Rituale und andere Dinge

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich mit der Anzahl der absolvierten Lebensjahre auch gewisse Rituale einbürgern, also bei mir zumindest. Zum Beispiel das Ritual des samstäglichen Frühstückens mit meinem Kumpel beim Bäcker. Der Ablauf ist jeden Samstag der gleiche. Echt. Same procedure as every Saturday würde Freddy Frinton wohl sagen. Also, Samstag, 9 Uhr, Frühstück beim Bäcker:

Kumpel sitzt schon am Tisch wenn ich reinkomm.

 Ich: moin

Er: moin

Ich geh vorbei und hol mir meine 2 Milchbrötchen (wegen der Zähne) und nen Milchkaffe. Wie immer. Ich schnapp mir das Tablett, grinse nochmal debil die Bedienung an und schlappe zum Tisch. Wo ja schon mein Kumpel sitzt.

Er: Und?

Ich: geht schon.

Er: wie war die Woche?

Ich: zum kotzen

Er nickt. ich tunke mein Milchbrötchen in den Milchkaffe. Er beißt in sein mit Zwiebeln belegtes Mettbrötchen und verzieht dabei das Gesicht.

Ich: du bist wiederlich

Er: Ich weiss, danach kann ich aber wenigstens gut kacken.

Zu seiner Entschuldigung muss ich sagen, dass er dieses Jahr 40 wird, alte Leute haben halt Probleme mit der Verdauung. Wir schweigen uns an, stopfen unsere Backwaren in uns rein und verstehen uns schweigend. Minuten später:

Er: guck mal

Ich: ?

Er: hinterm Tresen

Ich: neue Bedienung

Er: ja

Ich: Azubine, stand aufm Namensschild, zu jung

Er zuckt mit den Schultern und redet vom endgültigen Einzug ins Kloster.

Ich guck in meine mitgebrachte Bild-Zeitung.

Ich: guck mal die auf Seite 1 (und halte die erste Seite hoch)

Er: Scheisse Alter, boah ey.

Ich: haste Süd?

Er: ja, scheisse. HeHe

Sein Lachen macht mir dann manchmal Angst, hat was von Marilyn Manson und Angela Merkel zusammen. Egal.

Er: ich geh mal kacken

Ich: du bist wiederlich! Ich komm mit, muss auch.

1 Kommentar 20.7.08 12:26, kommentieren

Wir waren Helden...

Wir waren Helden....

hört sich evtl. ein wenig Überheblich an, ist aber so. Ich habe festgestellt, dass alle, die nach 1980 geboren sind, Warmduscher sind. Ist eine rein subjektive Feststellung von mir. Warum? Wir haben früher noch im Sandkasten gespielt, wir hatten damals ständig die Knie kaputt, ja, wir hatten echte Schürfwunden, wir hatten noch Respekt vor unserem Lehrer (Motto: Versaut Ihr mir den Vormittag, versau ich Euch den Nachmittag), wir hatten Fahrräder mit 3 Gang-Schaltung. Wir hatten keine PS2, keine XBox, keine Flatscreens im Kinderzimmer. MP3-Player? Wir hatten einen Walkman von Sony, oder Aiwa, wir hatten kein Mountainbike mit 35 Gängen und Hydraulikbremse. Computer oder Internet? Gott, was soll das sein? Unsere Helden hießen Indiana Jones und Luke Skywalker, wir guckten Captain Future, wir haben die erste Folge der Lindenstraße gesehen und wir guckten irgendwann auch Dallas und Denver-Clan. Wir kannten kein ViVA oder MTV, wir freuten uns einmal in der Woche auf 45 Minuten Formel 1 mit Ingolf Lück. Ja, das war ein Höhepunkt in der Woche. Wir liebten die Harts und Colt Seavers. Paulchen Panther brachte uns zum lachen und wir guckten mit Vergnügen Dick und Doof. Wir kannten keine schwachsinnigen Zeichentrickserien oder Doku-Soaps, nein, wir haben noch die Asterix-Comics gesammelt und auch gelesen. Wir mußten abends um sechs zuhause sein, und zwar pünktlich. Wir sind mit den Eltern in die Berge in Urlaub gefahren, ohne zu murren und haben uns darüber gefreut. Wir kannten unsere Grenzen. Wir sind auch ein paar Kilometer zur Schule zu Fuss gelaufen, wir brauchten keinen Buss. Selbst wenn es geschneit hat sind wir mit dem Rad gefahren.

Und heute? Ihr kennt es.
Ich habe heute morgen versucht in einem Cafe das schöne Wetter bei einem Latte Macchiato zu genießen. Sehr Ihr, da gehts schon wieder los, warum gibts eigentlich einen Latte Machhiato? Gabs früher auch nicht. Egal. Schöne neue Zeit. Ich hab mich mittlerweile dran gewöhnt und trink das Zeug. Übrigens, ich hab Urlaub, deswegen hab ich auch im Cafe gesessen.

Nach einem Blick auf die Getränkekarte und dem üblichen Kopfschütteln über einen Preis von über 5 Mark, ja, ich rechne noch um, bestellte ich mir den Milchkaffee und versuchte mich von der BILD-Zeitung einlullen zu lassen. Gott sei dank hat sich da nicht viel geändert. Die meisten Schlagzeilen hätten auch vor 20 Jahren drin stehen können. Ok, der Fußball war damals besser. Die hatten noch Biss damals.

Es dauerte nicht lange, da war SIE am Tisch neben mir. Mama, Anfang 20. An sich noch nicht schlimm. Kinder braucht das Land. Doch nach 2 Minuten ging die Schreierei los. Nicht dieses Schreien, wenn Kinder einen Zahn bekommen, oder sich auf die Nase gelegt haben. Was ja verständlich wäre. Nein, es war dieses Schreien, womit das Blach allen im Umkreis von 50 Metern signalisierte: ICH WILL JETZT MEINEN WILLEN DURCHSETZEN. Boah, das geht mir ja schon auf die Nüsse. Wie gesagt, ich hab nichts gegen Kinder, ganz im Gegenteil. Aber was macht Mama, nein, da wird nicht mal durchgegriffen, Mama ist total überfordert. Und als dann die Freundin von Mama kam, natürlich auch mit so einer Teppichratte, war der Ausnahmzustand perfekt. Brüllen im Duett. Adieu Ruhe. Mamas lassen sie gewähren, schließlich geht denen ja auch irgendwann mal die Luft aus. Störts die Leute am Nebentisch evtl. ? Nöö, ist den Mamas doch egal. Wichtiger sind den Mamas andere Dinge, hups, hast Du noch ne Zigarette für mich? Zum Beispiel. Tolles Vorbild. Wir haben früher auch gebrüllt, aber da gabs dann ne Ansage, da hatten wir gar keine Lust mehr zu brüllen. Wir waren uns der Konsquenzen schon sehr früh bewußt.

Irgendwann kam dan auch mein überteuerter Milchkaffee, für den ich früher einen halben Nachmittag Zeitungen ausgetragen habe, ja, auch bei strömenden Regen. Wir haben sowas nach der Schule noch gemacht.

Ich guckte mir das Treiben auf dem vor meiner Nase stattfindenden Wochenmarkt an. Die Bildzeitung lag neben mir, ich hatte keinen Bock mehr zu lesen, dass der Liter Benzin 1,58 Euro kostet, das merk ich wenn ich zur Tanke fahre. Als ich angefangen habe Auto zu fahren, hat der Liter ne knappe Mark gekostet. Früher war alles besser ging mir wieder durch den Kopf. Der nächste Gedanke war direkt an meine nächste Nebenkostenabrechnung. Na dankeschön. Aber uns gehts ja allen viel besser heute. Früher haben wir uns keine Gedanken machen müßen, ob wir im Winter zuhause nen Pulli anziehen und noch ne Decke drüberschmeissen. Egal, ich wurd bei den Gedanken schon leicht depressiv. Schlürf lieber an deinem Milchkaffee, der wird ja auch kalt.

Ich ertappte mich dann bei der Frage, warum sind eigentlich auf Wochenmärkten zu 90 Prozent Rentner? Klar, die meisten arbeiten ja, damit die Rentner auf dem Wochenmarkt einkaufen gehen können. Würd ich auch gerne, kann ich mir als Normalo-Arbeitnehmer kaum noch leisten. Dankeschön.

Ich reimte mir die Theorie zurecht, dass Rentner vom Markt irgendwie magisch angezogen werden. Das Vetrauen in den Gemüsehändler hier scheint wohl größer als bei einem Discounter. Mal gemerkt? Da sind kaum Renter!!! Zumindest wenn ich da einkaufe. Hat wohl was mit der Rente zu tun...? Also, eine richtige Theorie bekam ich nicht zustande.

Lustig finde ich an einem Markttag das Verkehrsaufkommen in der Stadt. Es ist rappelvoll, und auf der Straße und im Parkhaus herrscht Anarchie. Die nerven liegen blank, zumindest bei mir. Warum? Die Theorie steht und ist von mit bestätigt worden! Weil alle Hausfrauen an dem Tag von ihrem Mann den Wagen bekommen, um einkaufen zu fahren. Einmal die Woche steigt Hausfrau nun in den Wagen und erkämpft sich den Weg in die Stadt. Die anderen nehmen ja Rücksicht und passen auf dass nichts passiert. Klar, danke. HALLO, muss das sein???

Ich bin gespannt was mich morgen erwartet....gute alte Zeit wo bist Du?

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